Wissen & Forschung · Mental Coaching
Was Genesung beeinflusst – neben dem medizinischen Befund
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Ein medizinischer Befund ist wichtig. Er gibt Auskunft darüber, was körperlich vorliegt. Wie Beschwerden wahrgenommen und erlebt werden, wird von weiteren Faktoren beeinflusst.
Welche Rolle spielen dabei Erfahrungen und Erwartungen? Und warum können neue Erfahrungen einen Unterschied machen?
Vier Erkenntnisse, die wichtig sind
- Schmerzerleben ist real und wird zugleich durch Erfahrungen, Erwartungen und Kontext mitgeprägt.
- Erwartungen können körperliches Erleben beeinflussen. Das zeigt sich unter anderem in der Placebo- und Nocebo-Forschung und geht über die vereinfachte Idee des «positiven Denkens» hinaus.
- Was unser System gelernt hat, beeinflusst, was es erwartet. Neue Erfahrungen können neue Referenzen schaffen und bestehende Erwartungen verändern.
- Das Vertrauen, selbst etwas bewirken zu können, hängt mit weniger Beeinträchtigung zusammen. Besonders bei chronischen Schmerzen zeigt die Forschung deutliche Zusammenhänge zwischen Selbstwirksamkeit und funktioneller sowie emotionaler Belastung.
Wie Wahrnehmung entsteht
Unser Nervensystem verarbeitet Signale aus dem Körper nicht wie ein Messgerät, das bloss Werte abliest. Es ordnet sie ein. Dabei spielen aktuelle Informationen ebenso eine Rolle wie frühere Erfahrungen, Erwartungen und die Situation, in der wir uns befinden.
Ein Ziehen nach einer Operation kann beispielsweise anders erlebt werden, wenn es an eine frühere Komplikation erinnert. Eine verständliche medizinische Erklärung kann wiederum helfen, ein unbedenkliches Signal weniger bedrohlich einzuordnen.
Neurowissenschaftliche Modelle wie Predictive Processing beschreiben Wahrnehmung deshalb als fortlaufenden Abgleich zwischen eintreffenden Informationen und dem, was unser System aufgrund bisheriger Erfahrungen erwartet. Auch für Schmerz wird dieser Ansatz intensiv diskutiert. Damit wird verständlicher, warum das, was wir erwarten, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und welche Bedeutung wir einer Empfindung geben, für unser Erleben relevant sein kann.
Was Placebo- und Nocebo-Forschung zeigen
Besonders deutlich wird das in der Placebo- und Nocebo-Forschung. Placeboeffekte sind reale Veränderungen des Erlebens, die durch Behandlungskontext, Erwartungen und die Bedeutung einer Intervention mitgeprägt werden. In einer randomisierten Studie mit Menschen mit chronischen Rückenschmerzen verbesserten sich Schmerz und funktionelle Einschränkungen nach drei Wochen, obwohl die Teilnehmenden wussten, dass sie zusätzlich zur üblichen Versorgung Placebo-Tabletten erhielten.
Auch die Gegenrichtung ist bekannt: Negative oder bedrohliche Erwartungen können Beschwerden verstärken. Solche Nocebo-Effekte zeigen, wie relevant Sprache und Kontext im medizinischen und therapeutischen Umfeld sein können. Die Forschung zeigt damit etwas Spezifischeres als die vereinfachte Idee des «positiven Denkens»: Erwartungen sind ein Teil der Informationen, mit denen unser System eine Situation verarbeitet.
Auch rund um Operationen finden sich entsprechende Zusammenhänge. Eine Meta-Analyse von 21 prospektiven Studien mit insgesamt 2'611 Patient:innen fand, dass präoperative Erwartungen mit der späteren Lebensqualität zusammenhingen. Die Zusammenhänge waren je nach Outcome klein bis moderat.
Neue Erfahrungen, neue Referenzen
Wenn frühere Erfahrungen unsere Erwartungen mitprägen, stellt sich auch die umgekehrte Frage: Was geschieht, wenn eine neue Erfahrung nicht mehr zur bisherigen Erwartung passt?
Besonders in der Schmerz- und Lernforschung wird untersucht, wie solche Erfahrungen bestehende Erwartungen verändern können. Wird beispielsweise eine zuvor als gefährlich erwartete Bewegung schrittweise wieder als sicher erlebt, kann sich die damit verbundene Gefahreneinschätzung verändern.
Neue Erfahrungen können jedoch auf unterschiedlichen Ebenen entstehen: im konkreten Handeln, im inneren Erleben oder durch eine neue kognitive Einordnung. Ein inneres Bild kann an Bedrohlichkeit verlieren, eine Ressource wieder spürbar werden oder eine bisherige Bewertung aus einer anderen Perspektive betrachtet werden.
Wie stark sich solche unterschiedlichen Erfahrungen auf Erwartungen und den weiteren Genesungsprozess übertragen, hängt von Situation und Kontext ab. Die Forschung liefert hier interessante Ansatzpunkte, aber keine einfache allgemeingültige Wirkformel.
Ressourcen und Selbstwirksamkeit
Genesung bedeutet nicht nur, Belastendes zu reduzieren. Ebenso wichtig kann sein, wieder Zugang zu dem zu bekommen, was bereits trägt. Ressourcen können sehr unterschiedlich sein: vertraute Menschen, eine bewährte Atemtechnik, Wissen über den eigenen Körper, innere Bilder, persönliche Fähigkeiten oder die Erinnerung daran, eine schwierige Situation schon einmal bewältigt zu haben.
Ein Faktor, der in der Forschung zu chronischen Schmerzen genauer untersucht wurde, ist die Selbstwirksamkeit: das Vertrauen, mit Herausforderungen umgehen und selbst etwas bewirken zu können.
Eine Meta-Analyse mit 86 Samples und insgesamt 15'616 Menschen mit chronischen Schmerzen fand deutliche Zusammenhänge zwischen höherer Selbstwirksamkeit und geringerer funktioneller Beeinträchtigung, emotionaler Belastung und Schmerzintensität. Auch in prospektiven Studien blieben Zusammenhänge mit späteren Outcomes bestehen. Selbstwirksamkeit ist damit ein relevanter Faktor im Umgang mit anhaltenden Beschwerden: das Erleben, «Ich kann etwas tun und Einfluss nehmen».
Was bedeutet das für die Anwendung?
Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich mögliche Ansatzpunkte für Mental Coaching. Belastende Gedanken und automatische Bewertungen können bewusster werden. Erwartungen und innere Bilder lassen sich überprüfen, Aufmerksamkeit bewusst lenken und vorhandene Ressourcen aktivieren.
Je nach Situation können unterschiedliche Zugänge genutzt werden: Reflexion und Reframing, die Arbeit mit inneren Bildern und Visualisierung, Aufmerksamkeitslenkung, Selbsthypnose, Atemregulation sowie weitere mental- oder körperorientierte Übungen. Sie setzen an unterschiedlichen Ebenen an: am bewussten Verstehen und Einordnen, am inneren Erleben oder am konkreten Handeln.
Ziel ist nicht, einen medizinischen Befund wegzudenken. Ziel ist, das zu beeinflussen, was zusätzlich beeinflussbar ist – und dadurch wieder mehr Stabilität, Vertrauen und Handlungsspielraum zu entwickeln.
Mental Coaching ergänzt medizinische oder therapeutische Behandlung und ersetzt sie nicht. Neue oder zunehmende Beschwerden, Warnzeichen sowie Fragen zu Diagnose, Behandlung oder körperlicher Belastbarkeit gehören medizinisch abgeklärt.
Ausgewählte Quellen
- Ongaro & Kaptchuk (2019), PAINSymptom perception, placebo effects, and the Bayesian brain. Theoretische Übersicht zum Zusammenspiel von Erwartungen und Wahrnehmung.DOI: 10.1097/j.pain.0000000000001367
- Büchel, Geuter, Sprenger & Eippert (2014), NeuronPlacebo Analgesia: A Predictive Coding Perspective. Neurowissenschaftliche Perspektive auf Erwartung und Schmerz.DOI: 10.1016/j.neuron.2014.02.042
- Carvalho et al. (2016), PAINOpen-label placebo treatment in chronic low back pain: a randomized controlled trial. Kleine, dreiwöchige Studie bei chronischen Rückenschmerzen.DOI: 10.1097/j.pain.0000000000000700
- Jackson et al. (2014), The Journal of PainSelf-Efficacy and Chronic Pain Outcomes: Meta-Analyse zum Zusammenhang von Selbstwirksamkeit mit Schmerz, funktioneller Beeinträchtigung und emotionaler Belastung.DOI: 10.1016/j.jpain.2014.05.002
- Auer et al. (2016), International Journal of Behavioral MedicinePatients’ Expectations Predict Surgery Outcomes: A Meta-Analysis. Meta-Analyse prospektiver Studien zum Zusammenhang präoperativer Erwartungen mit postoperativer Lebensqualität.DOI: 10.1007/s12529-015-9500-4
